Unterschreiben gegen die maroden AKW Thihange und Doel in unserer Nachbarschaft in Belgien

Unterschreiben könnt ihr hier:

Petition gegen das Wiederanfahren von Tihange 2 und Doel 3

(Adresszeile in den Browser kopieren)

Aktuelle Hintergrundinfos:

Warum hat Electrabel die Rissereaktoren im März 2014
außerplanmäßig heruntergefahren
… und nun Probleme ihren Antrag auf Wiederinbetriebnahme
überzeugend zu begründen?
Wir erinnern uns: Bei einer Revision 2012 wurden in den Reaktordruckbehältern (RDB) der AKW Tihange 2
und Doel 3 eine Vielzahl von Rissen („Defekte, flaws, hydrogen flakes“) entdeckt.
Der RDB ist das Herz eines jeden Reaktors, in dem die atomare Kettenreaktion bei ca. 325°C unter einem
Druck von ca. 160 Atmosphären abläuft. Dieser Druck entspricht einer Kraft, als ob das Gewicht von vier ICE3
Zügen auf jedem Quadratmeter Fläche des Druckbehälters lastet.
Seither tobt der Streit darüber, ob die „Defekte“ herstellungsbedingt immer schon da waren. Und wenn ja,
ob sie sich im Laufe des Betriebs verändert haben. Ohne Antworten auf diese Fragen gab die belg.
Atomaufsicht (FANC) im Mai 2013 grünes Licht für den Neustart der betroffenen Reaktoren. Es wurde dem
Reaktor von der Atomaufsicht bescheinigt, dass trotz der vorliegenden Rissbefunde die „strukturelle
Integrität“ (Vertrauenswürdigkeit der Struktur) seines Stahls gewährleistet sei.
Dies ist nun Schnee von gestern. Angesichts der jetzt bekannten um 60%
erhöhten Anzahl und um ein Vielfaches vergrößerten Länge der Risse
(bis 18 cm) muss diese Bewertung grundsätzlich überarbeitet werden. Es ist
zu vermuten, dass man beim Betreiber fieberhaft daran gearbeitet hat, das
Berechnungsmodell so zu „tunen“, dass ein Neustart aus ihrer Sicht erfolgen
kann. Beantragt ist dies schon für den Juli 2015.
Versprödung des Reaktorstahls durch Bestrahlung
Es gibt aber noch ein anderes – äußerst gravierendes – Problem, das bisher
noch nicht von den Medien aufgegriffen wurde, weil die Fakten weder von
Electrabel noch von der FANC veröffentlicht wurden. Es geht um die
„unerwarteten Ergebnisse“ von Untersuchungen, die dazu führten, dass die
Reaktoren im März 2014 außerplanmäßig wieder herunter gefahren wurden
und seither still stehen.
Parallel zum laufenden Betrieb hatte das Kernforschungszentrum in Mol in
2013/2014 an „repräsentativen Stahlproben“ (O-Ton Electrabel)
Bestrahlungsuntersuchungen durchgeführt, die einen 40-jährigen Betrieb simulieren sollen. Das Ziel war,
Erkenntnisse zu gewinnen, wie sich die Versprödung des Stahls (Verlust an Zähigkeit/Verformbarkeit durch
Alterung) infolge der Jahrzehnte andauernden radioaktiven Strahlung entwickelt, wenn er bereits durch
„Defekte“ vorbelastet ist.
• Das Ergebnis ist in der Tat beunruhigend: Ein Reaktorstahl mit Defekten verliert durch die
Neutronenstrahlung viel schneller als erwartet seine Zähigkeit.
Nach unseren Informationen hat auch die anschließende zweimalige Wiederholung des Versuchs – man
mochte wohl das Ergebnis nicht wahrhaben – das Gleiche gezeigt.
• Dass selbst die von Electrabel als „Safety Case“ titulierte Grenze hierbei überschritten wurde, war
das „unerwartete Resultat“ – das zum vorzeitigen Runterfahren der Reaktorblöcke führte.
Diese hochbrisanten Ergebnisse wurden lange vor der Öffentlichkeit geheim gehalten und erst am
31.03.2015 (mehr als ein Jahr nach ihrer Entstehung) in einer Antwort von Electrabel auf Fragen von
Parlamentsabgeordneten des Ausschusses für nukleare Sicherheit publiziert. Die umseitige Grafik
entstammt dieser Parlamentsanhörung. Leider erlaubt die Darstellung in der Grafik keine genauen,
quantitativen Aussagen, da Electrabel weder an der x- noch an der y Achse Zahlen angegeben hat. Steckt
eine Absicht dahinter?
Eines ist jedenfalls klar:
Im Kreis:
Tihange 2 (oben) und Doel 3 (unten)
Fotoquelle: Wikipedia/ commons
Die Befürchtungen der Experten wurden bestätigt!
Mit den Versuchen in Mol wurden die Befürchtungen der unabhängigen Experten eindrücklich bestätigt, die
Anfang letzten Jahres auf Einladung der Kritiker zu einer Konferenz nach Aachen kamen. Nach zweitägigen
Beratungen haben die Fachleute einen Report verfasst, in dem sie kritisieren, dass Electrabel schon bei
Ihrem Antrag zum Neustart von 2013 mit der Festlegung von Sicherheiten bei der Übergangstemperatur
fahrlässig umgegangen war. Während selbst die von der FANC einberufene „Internationale
Expertenkommission“ (IERB) für die Übergangstemperatur (RTNDT ) einen Sicherheitszuschlag von 100°C
empfohlen hatte, rechnete Betreiber lediglich mit der Hälfte – und die FANC akzeptierte dies!
Der Report zeigt auf, dass von der angesetzten Marge von nur 50°C bereits 42°C „verbraucht“ werden durch
den Verlust an Stabilität durch die mechanischen Effekte der damals bekannten Risse und Seigerungen
(Entmischung der Stahlbestandteile). Es wurde bezweifelt, dass die verbleibenden Reserven ausreichen
können, um die Wechselwirkungen von Rissen und Neutronenstrahlung zuverlässig abzusichern. Dieser
Bericht ist öffentlich zugänglich unter: http://www.stop-tihange.org/de/category/news/page/2/ .
Für jeden Fachmann, der mal einen Grundkurs in „Sicherheits-Philosophie“ besucht hat, ist klar:
• Eine Überschreitung von Sicherheitsmargen geht nicht.
Aber man muss in diesem Fall ergänzen:
• Eine Anpassung der Marge an den (ökonomischen) Bedarf geht erst recht nicht!
Für technische Laien mit gesundem Menschenverstand: Es wird keiner erwarten, dass er eine TÜV-Plakette
bekommt, wenn „nur“ die Bremsen fehlerhaft sind. Sicherheitstechnisch hat der Stahlmantel eines Reaktor-
Druckbehälters angesichts der möglichen Folgen eine viel größere Bedeutung als die Bremsen beim Auto.
Außerdem: Wenn beim Wagen die Bremskraft nachlässt, kann man Beläge oder Scheiben wechseln. Beim
Herzstück eines AKW ist eine Nachbesserung nicht möglich. Der Druckbehälter kann weder repariert noch
ersetzt werden. Hier kann nur die Betriebsgenehmigung entzogen werden!
• Deshalb appellieren wir an die belgische Atomaufsicht, dass sie ihren Auftrag zum Schutz der
Bevölkerung vor den Gefahren eines atomaren Unfalls endlich ernst nimmt!
Robert Borsch-Laaks und Rolf Krueger, D- 52066 Aachen, Drei Rosen Str. 32. Kontakt: 3-roseninfo@posteo.de
Erläuterungen zur Grafik:
Die „Ténacité“ (Zähigkeit) und damit die
Bruchstabilität jeglicher Materialien sind
abhängig von der Temperatur. Deshalb kann
man Sachen, die man aus der Kühltruhe holt,
leicht brechen, sie sind „spröde“.
Alle Materialien, auch Stahl, haben eine scharfe
Grenze, an der ihr Verhalten in Abhängigkeit von
der Temperatur von „duktil“ (verformbar) nach
spröde wechselt. Man bestimmt daher in der
Materialprüfung diese Temperatur als
Qualitätsmaßstab (wissenschaftlich: SprödbruchÜbergangstemperatur
– RTNDT). Spröder Stahl ist
für den Bau von Druckbehältern generell
ungeeignet und stellt ein hohes Sicherheitsrisiko
dar – natürlich ganz besonders bei
Atomkraftwerken. Daher darf Stahl bei
Betriebsbedingungen nicht plötzlich durch Rissausbreitung versagen (sprödes Verhalten), sondern er muss duktil sein. Dann kann er
sich verformen und so Spannungen in gewissem Maß ausgleichen.
Die Kurven der Grafik trennen den Bereich zwischen verformbarem (rechts der jeweiligen Kurve) und sprödem Verhalten des Stahls
(links davon). Die Kurven ① und ② zeigen das Nachlassen der Zähigkeit eines fehlerfreien Stahls im Verlauf von 40 Jahren
Bestrahlung, wie man es bisher angenommen hat. Die Übergangstemperatur (RTNDT) steigt.
Die Grenzkurve ③ (mit Sicherheitszuschlag) beschreibt die minimal nötige Zähigkeit für den Nachweis der Versagenssicherheit nach
der Definition der Electrabel. Mit dieser Grenze hat ein von Anfang an rissfreier Stahl keine Probleme (Vergleiche Kurve ② mit Kurve
③). Aber die Probe mit den „repräsentativen Fehlstellen“, die der französische Reaktorbauer Areva zur Prüfung nach Mol lieferte,
hat nicht nur die Sicherheitsmarge aufgebraucht, sondern überschreitet nach dem Bestrahlungsversuch die Grenzkurve erheblich!
(Kurve ④). Hinweis: Die Übersetzungen ins Deutsche stammen von den Autoren.
1 Nicht bestrahlt
2 Nach 40 Jahren Bestrahlung
3 Nach 40 J. Bestrahlung mit
Sicherheitszuschlag
4 Messwerte des bestrahlten
Areva-Materials mit Rissen
Sicherheitsmarge
Effekt der Strahlung
Bestrahltes Areva Material mit Rissen
Zähigkeit: Fähigkeit eines Materials der Verbreiterung eines Risses zu widerstehen
Nicht erwartete Resultate
EIGENSCHAFTEN DES BESTRAHLTEN MATERIALS

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.