Transport von Atommüll aus Jülich und Hamm-Uentrop in die USA?

Artikel aus den heutigen Aachener Nachrichten:
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Transport von Atommüll aus Jülich und
Hamm-Uentrop in die USA?


Von: Thomas Spang und René Benden

AIKEN/JÜLICH. Zäh fließt der Savannah River durch die subtropische Schwüle des Südens derUSA. Doch selbst im Sommer liefert der Grenzfluss zwischen den Bundesstaaten Georgia und South Carolina und seine fünf Zuflüsse das ideale Umfeld für eine der wichtigsten Nuklearanlagen der USA.
Die Savannah River Site (SRS) produzierte während des Kalten Kriegs das Material für die atomare Aufrüstung der Supermacht. Heute sichert die vom amerikanischen Energieministerium (DOE) betriebene Einrichtung ihr Überleben mit der Entsorgung waffenfähigen Atom-Materials.

Nur wenige Kilometer von Augusta entfernt – wo jährlich mit dem Masters das vielleichtberühmteste Golfturnier der Welt ausgespielt wird – arbeiten auf einem 800 Quadratkilometer großem Gebiet rund 12 000 Beschäftige an der Wiederaufbereitung von Brennstäben, der Entsorgung von hoch angereichertem Uran aus Nuklearwaffen und der Zwischenlagerung von Atommüll.
Die Endlager-Suche ist in den USA bislang ähnlich erfolglos wie in Deutschland. Seit die Yucca-
Mountains vor den Toren Las Vegas‘ im US-Bundesstaat Nevada nicht mehr als atomares Endlager
in Frage kommen, sammelten sich dort mehr als 140 Millionen Liter an hoch radioaktivem Müll an.
900 Kilogramm Uran
Mehr als genug, findet Sam Booher, der bei einer Anhörung im Gemeindezentrum von Augusta
kürzlich seinem Unmut über die mögliche Aufnahme von Atommüll aus Deutschland Luft
verschaffte. „Wir sind der einzige Ort in den USA, der diese Expertise hat“, stellt der Naturschützer
vom „Sierra Club“ fest. „Wenn wir die Tür für Deutschland öffnen, bedeutet das, dass auch andere
Länder ihr Nuklear-Material künftig hier abladen werden?“ Booher könnte schneller Recht
bekommen, als ihm lieb ist.
Zwar ist noch nicht klar, ob die 152 Castoren mit Brennelementen aus dem ehemaligen Jülicher
Forschungsreaktor in die USA verschifft werden, aber es wird schon über die Ausweitung des
Transports spekuliert. 305 weitere Castoren mit ähnlichen Brennelementen aus dem ehemaligen
Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor (THTR) in Hamm-Uentrop könnten dem Jülicher Transport
folgen.
Die Rede ist von rund 975.000 kugelförmigen Brennelementen, die rund 900 Kilogramm an hoch
angereichertem Uran enthalten, das seinerzeit von den USA an Deutschland geliefert worden war.
Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte an dem fernen Standort in
den USA die Entwicklung einer neuen Entsorgungs-Methode mit zehn Millionen US-Dollar. Aus
deutscher Sicht ein Klacks gemessen an den Problemen, die eine Entsorgung des Atommülls in
heimischen Landen bereiten würde.
Eine im April unterzeichnete bilaterale Übereinkunft zwischen der deutschen und der US-Regierung
hält die grundsätzliche Bereitschaft der Amerikaner zur Aufnahme des Jülicher Materials fest.
Vorausgesetzt eine Umweltverträglichkeitsprüfung, die wohl noch bis zum Ende dieses Jahres läuft,
fällt unbedenklich aus.
Donald Bridge, der über 30 Jahre als Manager in der Savannah River Site-Anlage tätig war, hofft
auf einen positiven Ausgang. Er ist davon überzeugt, dass die Lieferungen aus Deutschland die
Zukunft gut bezahlter Arbeitsplätze in der Region sichern. „Die deutsche Regierung wird für die
Erforschung und Entwicklung und Aufbereitung über die kommenden fünf bis sechs Jahre rund eine
Milliarde Dollar zahlen.“

Der zweite Reaktor

Gegenüber unserer Zeitung beruft sich der promovierte Wissenschaftler auf Zahlen, die Vertreter
der US-Regierung und der Bundesstaaten bei der Anhörung in Augusta im Juni öffentlich machten.
Dabei sei neben Jülich explizit auch „von einem zweiten Reaktor“ die Rede gewesen. Diese
Informationen schienen nur für den Hausgebrauch bestimmt gewesen zu sein. Mit diesem zweiten
Reaktor kann nur der THTR gemeint sein, da er der einzige Reaktor in Deutschland ist, der mit
ähnlichen Brennelementen betrieben wurde wie der Versuchsreaktor in Jülich.
Die US-Regierung will sich dazu offiziell nicht äußern. Aus dem NRW-Forschungsministerium hieß
es am Montag, dass von deutscher Seite derzeit nur der Transport der Jülicher Castoren geprüft
werde. Gleichzeitig wolle man nicht ausschließen, dass die amerikanische
Umweltverträglichkeitsstudie auch den Transport des Brennstoffes aus Hamm-Uentrop umfasse.
Tom Clement von der Bürgerinitiative „SRS Watch“ hat vor allem was den aus Jülich geplanten
Transport anbelangt einen Verdacht. Beide Seiten versuchten ihrer jeweiligen Öffentlichkeit eine
beschönigte Version der Atommüll-Pläne zu verkaufen. „Sie versuchen, einen seit 25 Jahren
stillgelegten Reaktor als Forschungsreaktor umzudefinieren“, beschwert sich Clement in der
Lokalpresse über die Taktik der Ministerien. Tatsächlich sei Jülich kommerziell genutzt worden.
Clement spielt mit seiner Argumentation auf einen juristischen Streit an, mit der die Kritiker
versuchen, den Transport zu unterbinden. Die Atomexpertin der Grünen im Bundestag, Sylvia
Kotting-Uhl, erhob vor zwei Wochen den Vorwurf, dass der geplante Transport des Jülicher
Atommülls in die USA nicht mit deutschem Recht im Einklang stünde. Weil der damalige
Hochtemperaturreaktor (HTR) auf dem Gelände des heutigen Forschungszentrums Jülich (FZJ)
auch Strom für die öffentlichen Netze produziert habe, sei dies ein kommerzieller Reaktor gewesen,
argumentiert Kotting-Uhl. Und der Abfall von kommerziellen Reaktoren müsse nach deutscher
Rechtsprechung auch in Deutschland eingelagert werden.
Die Forschungsministerien und das Forschungszentrum Jülich selbst kommen zu einer anderen
Bewertung: Da der Brennstoff der Jülicher Brennelemente aus den USA kommt, sei der
Rücktransport dieses Brennstoffes über das sogenannte Nichtverbreitungsabkommen rechtskonform.
Während in den USA die Befürworter des Deals das spärlich besiedelte Gebiet entlang des
Savannah Rivers für einen idealen Standort halten, sind Kritiker wie die gewöhnlich zurückhaltende
Frauenvereinigung „League of Women Voters“ empört. Es müsse im Fall der Jülicher Lieferung
sehr genau geprüft werden, ob die Aufnahme des Materials wegen „Instabilität“ geboten sei, „oder
weil es für den Absender einfach bequem ist“.

Leserkommentare
Deutschland sei falsch informiert, wenn es glaube, South Carolina habe ein Interesse daran, „zu
seinem Atommülllager zu werden“, regt sich auch der Chef der Bürgerinitiative SRS auf. Im
Gegensatz zu Ex-Manager Bridge, der die Bewohner der ansonsten strukturschwachen Region im
Süden der USA auffordert, „die Entwicklung zu unterstützen“. Die 60 Jahre alte Nuklear-
Einrichtung am Savannah-River habe die Chance, „attraktive Jobs“ zu erhalten und das Land
insgesamt sicher zu machen“.
Eine schnelle Entscheidung dürfte es angesichts der leidenschaftlich geführten Kontroverse nicht
geben. Zumal auch die konservative Gouverneurin von South Carolina, Nicki Haley, Fragen hat. Bei
einem Besuch von US-Energieminister Ernest Moniz hakte die Republikanerin zu den Lieferplänen
aus Deutschland explizit nach: „Wann hört die Lieferung neuen Materials auf?“
Angesichts dieser Aufstellung dürfte es dauern, ehe auf der politischen Ebene Entscheidungen
getroffen werden. Gerade erst lief die Frist einer Bürgerbefragung ab. Danach steht noch das
Umweltgutachten aus und je nach Ausgang eine weitere Evaluierung, bevor zur Tat geschritten
werden kann. Nach Einschätzung von Beteiligten auf beiden Seiten der Kontroverse kann das
dauern. Wochen. Monate. Jahre.

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